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von Friedrich Schorlemmer 21.02.2012Druckversion ohne Bilder

Gauck muss mehr sein als Revolutionär

Joachim Gauck soll Bundespräsident werden. Der Bürgerrechtler muss zeigen, dass er nicht nur Freiheitspathos verbreiten kann. Ein Gastkommentar von Friedrich Schorlemmer

Ein Akteur der Friedlichen Revolution aus dem Osten Deutschlands soll zum überparteilichen Bundespräsidenten gewählt werden: Joachim Gauck. Seine Popularität wird mit übergroßen Erwartungen verbunden: Er wird uns schon die Leviten lesen!

Das viele so beeindruckende Freiheitspathos Gaucks muss aber erst noch durch ein entsprechendes Engagement für Gerechtigkeit sekundiert werden, will er nicht nur ein Thema bedienen: Es reicht einfach nicht, Akteur der deutschen Revolution von 1989 gewesen zu sein, um einen guten Bundespräsidenten abzugeben.

Gauck muss soziale und grüne Themen aufgreifen

Die Freiheit braucht Regeln in Zeiten, in denen weltweit selbst mit Nahrungsmitteln spekuliert wird. Die Probleme im gegenwärtigen neoliberalen Weltsystem sind nicht zu übersehen, die ökologischen auch nicht. Wenn Joachim Gauck Präsident aller sein will, muss das Soziale und das Grüne an ihm erst noch erkennbar werden. Der Bundespräsident in spe wird mutig anstoßen und uns Deutschen geschickt vermitteln müssen, was heute national und international ansteht: der Umgang mit dem Klimawandel, das Ende des Ressourcenverschleißes, eine ethische Haltung zu den neuen Kriegen dieser Welt, Gerechtigkeit für Flüchtlinge und die »innere Integration« in Deutschland.

Leider blieb die Linke von vornherein aus der Konsenssuche um die neuerliche Besetzung des Amtes - nach zwei zurückgetretenen Bundespräsidenten aus CDU-Reihen - ausgegrenzt.

Warum die Ausgrenzung der Linken?

Warum? Gerade einem künftigen Präsidenten mit DDR-Erfahrung hätte an der inneren Einheit gelegen sein müssen, die auch diejenigen einschließt, die einem gescheiterten Gesellschaftsmodell angehangen haben - und diejenigen, die das gegenwärtige Gesellschaftsmodell grundsätzlich hinterfragen.

Ein Bundespräsident braucht Vertrauen und persönliche Glaubwürdigkeit. Joachim Gauck muss beides jetzt unbedingt haben. Denn sein Vorgänger Christian Wulff hatte in den letzten zehn Wochen seiner Amtsführung weder das eine noch das andere. Dieser Niedersachse konnte im menschlichen Umgang etwas Sympathisches und Zugewandtes ausstrahlen. Aber er hatte den Blick dafür verloren, worin der Unterschied zwischen Freundschaft, Zweckgemeinschaft und Günstlingswirtschaft besteht. Sein Name bleibt verbunden mit Vorteilsnahme aus geradezu kleinlicher Vergünstigungsgier.

Die mediale Begleitmusik zum »Fall Wulff« bekam am Ende ebenso unwürdige Züge wie Wulffs Verteidigungslinie, die von Uneinsichtigkeit, Widersprüchlichkeit und fehlender Transparenz geprägt blieb. Zwischen einem Bundespräsidenten und »Seiner Majestät« besteht der Unterschied, dass Ersterer sich bohrenden Fragen der Presse in einem freien Land stellen muss, sofern die Fragen sein Amt betreffen.

Wulffs Rücktritt war unausweichlich

Er hat sich vermauert und sodann bestimmt, mit wem er nach längerer Zeit überhaupt redet. Und dann wundert er sich, dass die Presse ihre Wege nutzte, um alles - auch Persönliches, Verletzendes - in Erfahrung zu bringen? Was zutage kam und wie es gerechtfertigt wurde, das war einfach nur noch peinlich. Warum nur ist er nicht zurückgetreten, bevor es zum Antrag der Staatsanwaltschaft auf Aufhebung seiner Immunität kam?

Die Kanzlerin verlor kein Wort darüber, dass der Bundespräsident die Probleme selbst herbeigeführt hatte, die schließlich einen Amtsverzicht unausweichlich machten. Das alle belastende Siechtum dieser zehn Wochen ist würdelos gewesen.

Gauck wird es nicht leicht haben

Der nächste Präsident wird es erst einmal nicht leicht haben, nach allem, was nun an Bürde auf dem Amt des Bundespräsidenten liegt. Immerhin ist es gut, dass jetzt endlich auch Angela Merkel bereit war, einen überparteilichen Kandidaten zu suchen und nicht nach Regierungskalkül zu verfahren. Das hätte sie schon viel früher machen sollen.

Joachim Gauck soll Bundespräsident werden. Der Bürgerrechtler muss zeigen, dass er nicht nur Freiheitspathos verbreiten kann. Ein Gastkommentar von Friedrich Schorlemmer

Ein Akteur der Friedlichen Revolution aus dem Osten Deutschlands soll zum überparteilichen Bundespräsidenten gewählt werden: Joachim Gauck. Seine Popularität wird mit übergroßen Erwartungen verbunden: Er wird uns schon die Leviten lesen!

Das viele so beeindruckende Freiheitspathos Gaucks muss aber erst noch durch ein entsprechendes Engagement für Gerechtigkeit sekundiert werden, will er nicht nur ein Thema bedienen: Es reicht einfach nicht, Akteur der deutschen Revolution von 1989 gewesen zu sein, um einen guten Bundespräsidenten abzugeben.

Gauck muss soziale und grüne Themen aufgreifen

Die Freiheit braucht Regeln in Zeiten, in denen weltweit selbst mit Nahrungsmitteln spekuliert wird. Die Probleme im gegenwärtigen neoliberalen Weltsystem sind nicht zu übersehen, die ökologischen auch nicht. Wenn Joachim Gauck Präsident aller sein will, muss das Soziale und das Grüne an ihm erst noch erkennbar werden. Der Bundespräsident in spe wird mutig anstoßen und uns Deutschen geschickt vermitteln müssen, was heute national und international ansteht: der Umgang mit dem Klimawandel, das Ende des Ressourcenverschleißes, eine ethische Haltung zu den neuen Kriegen dieser Welt, Gerechtigkeit für Flüchtlinge und die »innere Integration« in Deutschland.

Leider blieb die Linke von vornherein aus der Konsenssuche um die neuerliche Besetzung des Amtes - nach zwei zurückgetretenen Bundespräsidenten aus CDU-Reihen - ausgegrenzt.

Warum die Ausgrenzung der Linken?

Warum? Gerade einem künftigen Präsidenten mit DDR-Erfahrung hätte an der inneren Einheit gelegen sein müssen, die auch diejenigen einschließt, die einem gescheiterten Gesellschaftsmodell angehangen haben - und diejenigen, die das gegenwärtige Gesellschaftsmodell grundsätzlich hinterfragen.

Ein Bundespräsident braucht Vertrauen und persönliche Glaubwürdigkeit. Joachim Gauck muss beides jetzt unbedingt haben. Denn sein Vorgänger Christian Wulff hatte in den letzten zehn Wochen seiner Amtsführung weder das eine noch das andere. Dieser Niedersachse konnte im menschlichen Umgang etwas Sympathisches und Zugewandtes ausstrahlen. Aber er hatte den Blick dafür verloren, worin der Unterschied zwischen Freundschaft, Zweckgemeinschaft und Günstlingswirtschaft besteht. Sein Name bleibt verbunden mit Vorteilsnahme aus geradezu kleinlicher Vergünstigungsgier.

Die mediale Begleitmusik zum »Fall Wulff«[1] bekam am Ende ebenso unwürdige Züge wie Wulffs Verteidigungslinie, die von Uneinsichtigkeit, Widersprüchlichkeit und fehlender Transparenz geprägt blieb. Zwischen einem Bundespräsidenten und »Seiner Majestät« besteht der Unterschied, dass Ersterer sich bohrenden Fragen der Presse in einem freien Land stellen muss, sofern die Fragen sein Amt betreffen.

Wulffs Rücktritt war unausweichlich

Er hat sich vermauert und sodann bestimmt, mit wem er nach längerer Zeit überhaupt redet. Und dann wundert er sich, dass die Presse ihre Wege nutzte, um alles - auch Persönliches, Verletzendes - in Erfahrung zu bringen? Was zutage kam und wie es gerechtfertigt wurde, das war einfach nur noch peinlich. Warum nur ist er nicht zurückgetreten[2] , bevor es zum Antrag der Staatsanwaltschaft auf Aufhebung seiner Immunität kam?

Die Kanzlerin verlor kein Wort darüber, dass der Bundespräsident die Probleme selbst herbeigeführt hatte, die schließlich einen Amtsverzicht unausweichlich machten. Das alle belastende Siechtum dieser zehn Wochen ist würdelos gewesen.

Gauck wird es nicht leicht haben

Der nächste Präsident wird es erst einmal nicht leicht haben, nach allem, was nun an Bürde auf dem Amt des Bundespräsidenten liegt. Immerhin ist es gut, dass jetzt endlich auch Angela Merkel bereit war, einen überparteilichen Kandidaten zu suchen und nicht nach Regierungskalkül zu verfahren. Das hätte sie schon viel früher machen sollen.

Friedrich Schorlemmer, geboren 1944, evangelischer Theologe und Publizist, war prominenter Protagonist der Opposition in der DDR und ist heute unter anderem Mitglied des deutschen PEN-Zentrums und des Netzwerks attac. Er lebt in Wittenberg.

Links in diesem Artikel:
[1] http://www.publik-forum.de/politik-gesellschaft/artikel/wulff-geht-die-wut-bleibt-online/1
[2] http://www.publik-forum.de/politik-gesellschaft/artikel/boulevard-bundespraesident-online

Artikel-URL: http://video.publik-forum.de/politik-gesellschaft/artikel/gauck-muss-mehr-sein-als-revolutionaer-online

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http://www.publik-forum.de/

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   // Kommentare
29.02.2012 20:32
Georg Lechner  Die Einbeziehung derer, die das gegenwärtige Gesellschaftsmodell hinterfragen - hier hat Friedrich Schorlemmer einen wichtigen Punkt angesprochen. Denn es ist fraglich, ob die politische Willensbildung den Mehrheitswillen der Bevölkerung widerspiegelt - ich denke nur an den Afghanistan - Einsatz, der aus machtpolitischem Kalkül erfolgte (siehe die Ausführungen von Hans-Ulrich Seidt in "Orient" 3/ 2004: "Eurasische Träume? - Afghanistan und die Kontinuitätsfrage deutscher Geopolitik").
Die Durchsetzung machtpolitischer Interessen ist nun einmal konträr zu den Herauforderungen der Zukunft (Klimawandel, ethische Haltung zu den Kriegen - tangiert auch "Panzer für Athen", Gerechtigkeit für Flüchtlinge,...).
25.02.2012 10:30
Peter Voit  Vor allem stände es diesem Präsidenten gut an, sich nicht in die Schar derer einzureihen, die wie Guttenberg und Wulff im Schafspelz auftreten und beteuern, auch nur ein Mensch zu sein. Oder "ein fehlerhafter Mensch", wie Gauck hören ließ. Widerlich, dieses scheinheilige Gehabe!
22.02.2012 11:26
Bernward Boden  Warum wird jetzt schon jeder Satz auseinandergenommen, der von Agenten einmal notiert wurde? Mir wäre wichtiger, ob Gauck mit Organisationen und Finanzkreisen Abhängigkeiten hat, die ihn - ähnlich wie Wulff - an einer objektiven Amtsausübung hindern. Wer aber jemanden den Mund verbieten, oder wer arrogant über die Haltung eines über 70jährigen herziehen will, sollte lieber alte Menschen nicht wählen. Dann lieber eine junge Frau. Die darf alle Fehler dann noch machen.